Erste Schulen gemeinsam am Start
In vielen Bundesländern war sie gerade erst Wahlkampfthema – in Berlin ist sie bereits wichtiger Bestandteil rot-roter Bildungspolitik: die Gemeinschaftsschule.
Die ersten elf Gemeinschaftsschulprojekte mit 17 Schulen starten mit dem Schuljahr 2008/09. Darunter sind Grundschulen, die mit weiterführenden Schulen kooperieren. Andere wollen zur Gemeinschaftsschule aufwachsen. Ebenso gibt es Zusammenschlüsse von verschiedenen Schultypen, aber auch eine Schulneugründung in Pankow. Debatten zur Gemeinschaftsschule gibt es inzwischen an vielen Orten in der Stadt. Mit dem »Runden Tisch Gemeinschaftsschule« existiert ein offenes Forum von Interessierten aus Schulen, Gewerkschaften, Verbänden und Parteien, die das Vorhaben für bessere und gerechtere Bildungschancen in der Stadt unterstützen.
Was ist an Gemeinschaftsschulen anders?
In der Gemeinschaftsschule
■ werden Schülerinnen und Schüler nach der Grundschule nicht mehr auf verschiedene Schularten aufgeteilt. Sie bleiben bis zur 10. Klasse zusammen und können entsprechend ihres erreichten Leistungsniveaus alle geltenden Schulabschlüsse erwerben und den Weg bis zum Abitur gemeinsam fortsetzen. Ihnen stehen in ihrer Schule alle Entwicklungsmöglichkeiten offen.
■ gibt es keine Probezeit und kein zwangsweises Sitzenbleiben. Alle rücken bis zur Klasse 10 in die nächsthöhere Stufe auf. In begründeten Fällen ist die freiwillige Wiederholung und ebenso das Überspringen einer Jahrgangsstufe möglich.
■ wird es nach der Grundschule einen gemeinsamen Bildungsgang geben und verschiedene, meist zeitlich begrenzte Förderangebote, in denen Interessen und Neigungen sowohl der Lernschwächeren als auch der Leistungsstarken Rechnung getragen werden kann.
■ kann bis zur 8. Klasse eigenständig entschieden werden, in welcher Weise die Leistungen der Schülerinnen und Schüler bewertet werden – ob traditionell mit Zensuren oder mit verbalen Berichten.
■ entwickeln Schülerinnen und Schüler Leistung und Leistungsbereitschaft im selbständigen Lernen, das Interesse weckt und Motivation stärkt und keinen formalen Druck braucht.
Gemeinschaftsschulen sind leistungsfähig, weil sie die Besten eben nicht frühzeitig auslesen. Gemeinschaftsschulen zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie niemanden aussortieren und die Verschiedenheit der Kinder nutzen, Lernfortschritte bei allen zu erzielen. Gemeinschaftlich zu lernen und dabei individuell gefördert zu werden, das bietet allen Kindern die besten Chancen. Mit der Gemeinschaftsschule können die Schwächen des bestehenden Schulsystems überwunden werden.
Braucht Schule solche Veränderungen?
Die Schwächen des gegliederten und auf Auslese beruhenden Schulsystems in der Bundesrepublik sind deutlich sichtbar. Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten haben kaum eine Chance, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten. Und auch das Gymnasium ist längst nicht mehr die erfolgreiche Schule, die es zu sein scheint. Es bringt nicht genügend Abiturienten hervor und ist eine Schulform, in der 30 bis 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler scheitern. Sie verlassen das Gymnasium vorzeitig, wiederholen ein Schuljahr oder schaffen das Abitur nicht.
Mit der Gemeinschaftsschule wird ermöglicht,
die Leistungsfähigkeit des deutschen Schulsystems auf internationales Niveau zu bringen und nach skandinavischem Vorbild Spitzenleistungen zu erreichen.
die starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft zu überwinden.
Schulen vor Ort zu halten, da schon jetzt in vielen Regionen Schulformen zusammengeführt werden.
dem häufig beklagten Mangel an Fachkräften zu begegnen, da Kindern aus sozial benachteiligten Familien der Weg zu höherer Bildung und höherwertigen Schulabschlüssen geöffnet wird.
die ausweglose Situation der Hauptschulen zu überwinden. Sie müssen nicht nur abgeschafft werden. Es dürfen auch keine neuen Restschulen entstehen.
alle Schülerinnen und Schüler zu maximalen Leistungen zu führen, da sie individuell gefördert werden müssen und in hohem Maße von und miteinander lernen können.
Mehrere Bundesländer haben inzwischen Schritte unternommen, um die Gliederung des Schulsystems zu reduzieren. Dazu zählen Schleswig-Holstein und Hamburg.
In Berlin geht die rot-rote Koalition den Weg über die »Pilotphase Gemeinschaftsschule«. In dieser Phase bis 2011 entwickeln sich Schulen freiwillig zu Gemeinschaftsschulen. Auf ihren Erfahrungen und Erkenntnissen werden weitere Überlegungen mit dem Ziel eines ungegliederten Schulsystems aufbauen.
Was passiert jetzt an den Schulen?
Wenn eine Schule Gemeinschaftsschule werden will, muss dies mit einer Zweidrittelmehrheit von der Schulkonferenz beschlossen werden. Dann kann sie sich auf verschiedene Weise an der Pilotphase beteiligen:
■ Nach der 6. Klasse verbleiben die Schülerinnen und Schüler an ihrer Grundschule und die Grundschule wächst bis zur 10. Klasse, eventuell auch bis zum Abitur auf.
■ Grundschulen kooperieren mit weiterführenden Schulen, auf die Kinder nach der 6. Klasse wechseln und wo sie bis zum Ende der Schulzeit bleiben.
■ Weiterführende Schulen überwinden die Trennung der Bildungsgänge im Innern und führen zu allen Abschlüssen.
Wichtig ist, dass alle Gemeinschaftsschulen einen Weg zum Abitur ermöglichen.
Rechtliche Grundlage ist die im April 2008 neu in das Schulgesetz aufgenommene »Öffnungsklausel für Gemeinschaftsschulen«. Darüber hinaus können auch alle anderen Schulen auf Antrag Regelungen übernehmen, die vorerst nur für Gemeinschaftsschulen gelten. Dazu zählen der Verzicht auf das Probehalbjahr, der Verzicht auf die dauerhafte Aufteilung der Kinder auf Kurse unterschiedlichen Leistungsniveaus sowie auf die Empfehlung, welche Schule ein Kind nach der 6. Klasse besuchen sollte. Jahrgangsstufenwiederholungen gibt es nur in besonders begründeten Ausnahmefällen. Statt Noten zu erteilen, kann im Schulprogramm festgelegt werden, bis zu Jahrgangsstufe 8 die Leistungsentwicklung der Schülerinnen und Schüler durch schriftliche Informationen zu beurteilen.
Gemeinschaftsschulen erhalten eine Personalausstattung, die sich grundsätzlich an der von Grund- und Gesamtschulen mit Ganztagsbetrieb orientiert. Lehrerinnen und Lehrer erhalten im Rahmen eines Qualifizierungs- und Unterstützungsprogramms Fortbildungsangebote. Die Schulen werden seit dem 2. Schulhalbjahr 2007/08 mit einer zusätzlichen halben Lehrerstelle sowie einem eigenen Fortbildungsbudget von durchschnittlich 5.000 Euro jährlich ausgestattet. Außerdem werden sie von Beratern bzw. Trainern unterstützt.
Die »Pilotphase Gemeinschaftsschule« wird wissenschaftlich begleitet. Bis zum 30. September 2008 können sich weitere Schulen, die Gemeinschaftsschulen werden wollen, an einer zweiten Bewerbungsrunde beteiligen.