Carola Bluhm zur flexiblen Schulanfangsphase
Carola Bluhm (Linksfraktion):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Seit ich im Schulausschuss bin, kann ich diesen Eindruck teilen, dass die Opposition bei dem Ringen um die Schuleingangsphase nicht einheitlich agiert. Die Grünen unterstützen diesen Grundgedanken und ringen mit uns gemeinsam um die bestmögliche Qualität in diesem Prozess.
[Mieke Senftleben (FDP): Aber wir nicht – oder wie!]
Nun möchte ich drei Anmerkungen zum CDU-Antrag machen: Die erste betrifft den Titel. Sie gehen davon aus – wir nicht –, dass man das Schulgesetz ändern müsse, um das, was im Gesetz steht, gründlich vorzubereiten. Dazu muss man aber bestenfalls die Grundschulverordnung ändern, die den Zeitpunkt der verbindlichen Einführung der Schulanfangsphase enthält. Ein entsprechendes Rundschreiben ist am 6. Dezember letzten Jahres ergangen. Damit hätte sich der Antrag schon formal erledigt.
Hinzukommt die zweite Falschaussage. Sie betrifft den Inhalt der von Ihnen vorgeschlagenen Gesetzesänderung. Sie wollen die flexible Schulanfangsphase gar nicht gründlich vorbereiten. Wir entnehmen Ihrem Antrag vielmehr, dass Sie die flexible Schulanfangsphase in die Beliebigkeit stellen und damit eigentlich wieder abschaffen wollen.
Die dritte Fehlaussage betrifft die Begründung: Sie sehen in der grundsätzlichen gemeinsamen Beschulung von Kindern mit unterschiedlichem Entwicklungsniveau und in dem unterschiedlich hohen Förderbedarf eher eine Gefahr, denn eine Chance. Hierbei unterscheiden wir uns in unseren Auffassung ganz grundsätzlich. Wir gehen davon aus, dass Verschiedenheit normal ist und dass die flexible Schulanfangsphase genau die Form ist, um mit der Verschiedenheit der Kinder und ihren unterschiedlichen Entwicklungsständen umzugehen.
[Beifall bei der Linksfraktion –Beifall von Karlheinz Nolte (SPD)]
Mit der flexiblen Schulanfangsphase verbindet sich auch ein anderes Leitbild der Schule. Die Schule ist für die Kinder da. Nicht das Kind muss schulreif sein, sondern die Schule muss sich so wandeln, dass jedes Kind vom ersten Tag an individuell gefördert wird.
[Beifall bei der Linksfraktion, der SPD und den Grünen]
Dabei ist es selbstverständlich, dass das einer gründlichen Vorbereitung und Sicherung der personellen und materiellen Ausstattung an den Schulen bedarf. Das haben wir im Blick. Darum werden wir weiter ringen. Ich verweise auch auf die vielen positiven Erfahrungen von Schulen, die schon vorher – bevor es die Möglichkeit gab, das zum Regelfall zu machen – in die Jahrgangsmischung und die flexible Schulanfangsphase eingestiegen sind. Wir haben viele davon besucht. Diese Schulen, die sich selbst auf den Weg gemacht haben, haben gute Erfahrungen gemacht. Insofern kann man die Anregung geben, dass die Fortbildung für Schulen, die davon noch nicht überzeugt sind, viel besser und sehr praktisch an diesen Schulen stattfinden könnte.
[Beifall von Dr. Felicitas Tesch (SPD)]
Dort, wo ein positives Beispiel tagtäglich gelebt wird und man die positiven Aspekte genau erkennen kann, gibt es preiswertere und effektivere Fortbildung als an einem theoretischen Wochenendseminar.
[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]
Die Schulanfangsphase, die die ersten beiden Jahrgänge in der Grundschule umfasst, hat zwei Aspekte. Diese beiden Jahrgänge können individuell in unterschiedlichem Tempo – in einem, zwei oder drei Jahren – durchlaufen werden. In dieser Schulanfangsphase wird jahrgangsübergreifend und altersgemischt gelernt. Der zweite Aspekt ist der eigentliche Diskussionspunkt der Schulanfangsphase: Der verbindliche Einführungszeitpunkt war bisher das Schuljahr 2007/2008.
[Mieke Senftleben (FDP): 2006/2007!]
Inzwischen gilt der Zeitpunkt 2008/2009. Dazu hat Frau Tesch das Entscheidende schon gesagt. Wir hätten uns vorgestellt, dass es schneller geht. Aber nun sollte diese Zeit sinnvoll genutzt werden, um die Schulen, die noch Vorbereitungszeit brauchen, zu unterstützen.
Für die Jahrgangsmischung gibt es Erfahrungen und gründliche Vorbereitungen. Dazu hat insbesondere der seit 1999/2000 laufende Schulversuch Jahrgangsübergreifendes Lernen – JÜL – beigetragen. Acht Schulen begannen damit, 2002 kamen zehn weitere dazu. Die teilnehmenden Schulen praktizierten verschiedene Varianten der Altersmischung. So wurden zum einen sowohl zwei als auch drei Jahrgänge zusammengefasst. Die altersgemischten Gruppen umfassten nicht nur die Anfangsjahrgänge, sondern auch alle Jahrgänge der Grundschule. Der Schulversuch wurde fachlich-pädagogisch begleitet, und im Februar 2006 wurde ein Abschlussbericht vorgelegt. Mit dem Inkrafttreten des neuen Schulgesetzes und der Grundschulverordnung konnte der Schulversuch zum Schuljahr 2005/2006 vorzeitig beendet werden. Die jahrgangsübergreifende Arbeit stellt seitdem keine Abweichung von der Regel mehr fest.
Zu den wichtigsten Schlussfolgerungen aus den vorgelegten Bildungsstudien sei noch erwähnt, dass es bei diesem Punkt zentral um die Verstärkung des individuellen Lernens geht. Dabei wird nicht nur das Lernen, die Aktivität der Schülerinnen und Schüler, in den Vordergrund gestellt, sondern auch akzeptiert, dass sie mit unterschiedlichem Tempo lernen und dieses unterschiedlicher Lehr- und Lernstrategien bedarf. In dem Maß, wie sie ihr Lernen selbst gestalten können, lernen sie freiwillig, motiviert und nachhaltiger als bei einem frontalen Unterrichtsangebot. Sie wollen lernen, und sie brauchen dafür Anleitung und Unterstützung, die sie sich dann auch untereinander geben können.
Vizepräsident Dr. Uwe Lehmann-Brauns:
Frau Bluhm! Sie müssten jetzt bitte zum Schluss kommen!
Carola Bluhm (Linksfraktion):
Hier steht: Noch 60 Sekunden. – Das ist eine widersprüchliche Aussage.
[Christoph Meyer (FDP): Verflixt noch mal!]
Vizepräsident Dr. Uwe Lehmann-Brauns:
Da diese Uhr hier nicht falsch geht, würde ich Sie doch bitten, zum Schluss zu kommen.
Carola Bluhm (Linksfraktion):
Ich komme zum Schluss: Es geht also darum, diese Schulanfangsphase zu nutzen. Der Anfang ist wichtig, das wissen wir. Es muss gelingen, ein individuelles Lernen im Umgang mit der Heterogenität anzufangen. Damit ist die Schulanfangsphase viel mehr als nur für den Anfang gedacht, sondern sie ist ein Projekt, das dann in der ganzen Schule individuelles Lernen und Lehren ermöglicht und damit ein Ziel, dem wir uns alle verpflichtet fühlen sollten.
[Beifall bei der Linksfraktion und der SPD]