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1. Juli 2010 Wolfgang Brauer

Der Baustopp ist sinnvoll

16. Wahlperiode 68. Sitzung: Wolfgang Brauer zu Entschließungsanträgen das Humboldt-Forum betreffend (Grüne/CDU)


Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

Mit dem vorhin zitierten Widerspruch im Verhalten der CDU hat Kollegin Eichstädt-Bohlig natürlich recht. Es ist einigermaßen absurd: Sie haben seinerzeit heftig dem Sparprogramm der Bundesregierung applaudiert und legen uns nun einen Antrag vor, wo Sie möglichst schnell und unverzüglich, aber spätestens ab 2011, eine dreiviertel Milliarde Euro aus dem Paket herausbrechen wollen. Ich weiß nicht, wie ernstzunehmend solche Anträge sind, auf jeden Fall bezeugen Sie damit nur, dass Sie auch nach zwei Wahlperioden Opposition nach wie vor nicht regierungsfähig sind, jedenfalls nicht in Berlin.

[Zuruf von Christoph Meyer (FDP)]

Jetzt legen wir Ihre hochtönenden Phrasen vom nationalen Schaufenster der weltoffenen Kulturnation einfach mal zur Seite. Sie wollen die Wiedererrichtung des Schlosses, nichts anderes. Sie wollen die Rekonstruktion der historischen Fassaden, und das ist ziemlicher Blödsinn, Sie kennen die Fassadengestaltung des Schlosses nicht. Das, was bislang dort geplant war, ist alles andere, aber nicht die Rekonstruktion der Fassaden.

Einerseits wollen Sie die außereuropäischen Sammlungen in die Mitte der Stadt holen – mein Gott, Herr Lehmann-Brauns, wesentliche Teile der außereuropäischen Sammlungen sind bereits in der Mitte der Stadt, oder rechnen Sie neuerdings das Zweistromland, den Bereich des fruchtbaren Halbmondes, Ägypten, Kleinasien und den islamischen Raum zu Europa?– Na gut, o. k., kann man machen, aber dann sagen Sie es nicht laut. Andererseits beklagen Sie den Bedeutungsverlust Dahlems durch den Abzug eben dieser Sammlungen. Ja, was denn nun? – Die Sammlungen sollten in Dahlem bleiben, und das sollte auch saniert werden, möglichst rasch und bitte schön unverzüglich.

Den Ansatz der Grünen, wie er uns vorliegt, halten wir für realistischer, auch wenn Sie, ich darf zitieren, die Idee des Humboldt-Forums nur weiter konkretisieren wollen. Ich glaube, das reicht nicht, Frau Kollegin, einen Homunkulus kann man nicht qualifizieren – Pfusch bleibt Pfusch. Hier muss von Anfang an der Gedanke des Humboldt-Forums neu gedacht werden, da sind wir sehr an Ihrer Seite.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat gestern selbst eingeräumt, dass es um alles andere geht, aber nicht um diese Idee des Humboldt-Forums. Er sagte, ich zitiere: Das Humboldtforum ist natürlich nicht nur ein Ort für Veranstaltungen. Wir wollen vor allem unsere einzigartigen Sammlungen zeigen. Na, das war doch mal eine deutliche Ansage von Herrn Parzinger, so war es gemeint, nicht anders. Ein Museumsschloss mit angeschlossenem kleineren Bibliothekstrakt und noch irgendwie angedockten Universitätssammlungen. Seit Jahren strebt die Stiftung mit ihren Standorten und Instituten in die Mitte der Stadt, anderes ist für sie nicht denkbar. Hier wird Standortpolitik betrieben wie in einem Pommesbuden-Konsortium, aber doch nicht wie in einer modernen Museumsstiftung.

[Beifall bei der Linksfraktion]

Im vergangenen Jahr gab es im Alten Museum eine Art Vorgeschmack auf das, was nach den bisherigen Planungen Berlin und die Welt erwartet – nämlich ein Konglomerat. Da versuchte man u. a. eine Rekonstruktion der seinerzeitigen kurfürstlichen Kunst- und Wunderkammer des Schlosses. Genau das wird es werden, eine Kunst- und Wunderkammer, die Berlin und dem Bund viel Geld kosten wird, zunächst hauptsächlich dem Bund, aber irgendwann sind wir wieder mit dabei, und die Stadt Hohn und Spott auszusetzen droht – das wollen wir nicht!

Der Baustopp ist haushaltspolitisch sinnvoll, und inhaltlich war er zwingend. Er gibt uns Gelegenheit, nachzudenken – wie nun weiter?– Auf dem Schlossplatz könnte sich ein wirkliches Zentrum der außereuropäischen, ein multifunktionelles Zentrum der Weltkulturen etablieren. In der Mitte Berlins sollen sich die lebendigen Kulturen dieses Erdballs widerspiegeln – und nicht als Salatbeilage zu irgendeinem anderen Hauptgericht.  Ein Zentrum, in dem Theater, Musik, Bildende Künste, Film, Performance, Architektur und Volkskunst aller Kontinente einen Ort des fruchtbaren Austausches finden, ein Ort, der allen sozialen Schichten ohne finanzielle, akademische oder bauliche Barrieren leicht zugänglich ist, ein Ort, an dem studiert, produziert und gelebt wird. Kern eines solchen Ortes könnte auch eine Bibliothek sein.

Wenn schon eine Kunsthalle, bitte schön, dann gehört sie da eingebunden und hat außereuropäische aktuelle Kunst zu zeigen. Alles andere haben wir schon in der Stadt. Die Sammlungen der Humboldt-Universität gehören da übrigens nicht hinein. Weshalb eigentlich nur die der Humboldt-Universität? Was Berlin vollkommen fehlt, ist ein Wissenschaftsmuseum. Wir hätten jetzt die großartige Chance, eine Art Berliner Centre Pompidou zu entwickeln. Das jetzige Konzept ist allenfalls ein goldener Sargnagel für weitere innovative Ideen in diesem Bereich. Den wollen wir nicht.

Bevor wieder über die bauliche Hülle gesprochen wird, muss der Inhalt klar sein, sonst sollte man gar nicht erst anfangen zu bauen. Das hat meine Fraktion immer gefordert und dabei bleiben wir auch. Wie absurd ein Bauvorhaben ist, dessen Nutzer sich der Architektur unterzuordnen haben, zeigte übrigens das Schicksal des Zumthor-Entwurfes für die Topografie des Terrors. Erinnern Sie sich? Zumindest unsere eigenen Fehler sollten uns Anlass zum Lernen geben.

Den Antrag der Grünen möchten wir gern in den Ausschüssen diskutieren. Den CDU-Antrag hingegen kann man nur ablehnen. – Ich danke Ihnen für Ihre Geduld!

[Beifall bei der Linksfraktion –


Beifall von Lars Oberg (SPD)]