Die Ecke hat es in sich: Wer am U-Bahnhof Nollendorfplatz aussteigt betritt ein Areal, das in den „Goldenen Zwanzigern“ quasi in nuce „Berlin“ war. Hier befindet sich heute zum Beispiel das „Goya“. Wenige Schritte weiter steht das Geburtshaus von Nelly Sachs. Diese Gegend beschrieb Christopher Isherwood in seinen Büchern, aus denen Hollywood dann „Cabaret“ mit Liza Minelli als Sally Bowles zusammenbastelte. Die Nazis und der Krieg gingen über den Kiez, die Westberliner Stadtsanierung, getarnt als „Sozialer Wohnungsbau“ und jetzt droht wieder einmal der Absturz. Rotlichtszene und Spielhöllen beginnen sich zu tummeln. Diverse Jugend-Gangs bekriegen einander. Die Hell’s Angels haben in der Nähe ein Lokal, unweit davon die Bandidos. Das hindert die diversen Vermieter nicht am Drehen der Preisschraube. Manche Leute können’s halt immer noch bezahlen. In Sichtweite ist dennoch die Armut zu Hause. Und mittendrin am Winterfeldtplatz residiert seit 1993 eine der zauberhaftesten Bühnen Berlins, das Puppentheater (ja, die nennen sich noch so!) „Hans Wurst Nachfahren“ unter der Leitung von Barbara Kilian und Siegfried Heinzmann, der auch die herzerwärmenden Puppen für das Ensemble gestaltet. Das ist ein Haus, das die Kinder mögen und das immer wieder auch die Großen anlockt. Fast 30 Jahre kämpft das tapfere Ensemble nun schon gegen den täglich drohenden Untergang und immer wieder konnte er abgewendet werden. Jetzt wird es allerdings von der kalten Mechanik des Rechtsstaates, genauer des Mietrechtsstaates, bedroht – und die kann sehr unerbittlich sein.
Das „Theater am Winterfeldtplatz“ nahm im September 1993, also einer Zeit in der in Berlin Theater eher geschlossen denn eröffnet wurden – die Berliner Morgenpost sprach von einem „für die jetzige Zeit seltenen Erfolg“ –, seinen Spielbetrieb auf. Bis 1991 war das Gebäude eine schon zum Abriss freigegebene ehemalige Tischlerei. Der Senat half dem privaten Investor mit einem Millionenbetrag bei Sanierung und Umbau – dafür konnte Berlin das Theatergebäude für 20 Jahre zu einem äußerst günstigen Mietzins den „Hans Wursten“ zur Verfügung stellen. Diese Bestandssicherungsvereinbarung läuft demnächst aus. Schlimmer noch: Dem Eigentümer, einer Fondsgesellschaft, gehören im unmittelbaren Umfeld noch einige andere Objekte, die seinerzeit mit Mitteln des schon erwähnten „sozialen Wohnungsbaus“ Westberlins errichtet wurden und bis 2003 mittels einer sogenannten „Anschlußförderung“ subventioniert wurden. Die Gesellschaft hat inzwischen angekündigt, dass sie die günstige Theatermiete nicht mehr gewähren könne – sie habe Schaden durch das Land Berlin erlitten (der Subventionswegfall!) und es wäre den Eigentümern nicht vermittelbar, wenn sie weiterhin Verluste im Interesse des „Schadensverursachers“ hinnehmen müssten, der hier ein Puppentheater betreiben wolle. Also: Mieten hoch... Die Puppenspieler können’s nicht aufbringen.
Zu ihren Erfolgsstücken gehört „Aladin und die Wunderlampe“. Eine Wunderlampe, das wär’s. Aber ein wenig mehr Aufmerksamkeit durch die „Großen“ – ich meine jetzt die Kulturinstitute – würde sicher auch schon helfen. In solchen Häusern wie in dem am Winterfeldtplatz wird deren Publikum erzogen. Hier ist eine der unverzichtbaren Traum-Werkstätten unserer Stadt. Und für Träume braucht es geschützte Räume. „Rechnen“ tun die sich nicht, und „wirtschaftlich“ sind die für Hauptbuchhalterdenke auch nicht...
(12.01.2012)