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24. Januar 2012 Wolfgang Brauer

Berliner Notizen (100) - Wir wollen einen König!

Es war ein Untertan der Queen of Australia, also der Elizabeth aus dem Hause Windsor, da gibt es eine Personalunion, der sich darüber verwunderte, das ausgerechnet eine wiedervereinigte Republik einen vor 300 Jahren geborenen König mit einem Festakt ehrte. Christopher Clark heißt der Mann und er lehrt Geschichte an der Universität Cambridge, forscht zu Preußen und hielt am 24. Januar den Geburtstagsvortrag für Majestät in einem Konzerthaus, das einmal ein Schauspielhaus war und schön klassizistisch aussieht, aber in seinem Inneren mit Karl Friedrich Schinkel genauso viel zu tun hat wie das Innenleben der Lindenoper mit Knobelsdorff – rein gar nichts. Das Konzerthaus war allerdings gut gefüllt mit allerlei wichtigen Leuten, ältere Herrschaften überwogen. Altbürgermeister, Altbundespräsidenten, Altbundestagsabgeordnete, Altsenatoren und Minister a.D., Altadel, Professoren i.R.. Man kannte sich und folgte schmunzelnd dem Festredner, der sich dazu hinreißen ließ, unseren großen König – um unseren Friedrich, den Großen natürlich ging es – in einer Reihe mit Marylin Monroe und Campbell's Tomato Soup quasi als Ikone der Pop-Kultur zu würdigen. Andy Warhol hatte FRIDERICUS REX einmal so zu Papier gebracht. Ach diese Briten, aber wir sehen’s ihnen nach. Clark sagte aber auch Ernsthafteres. Der drohenden Wertungsklemme entzog er sich elegant durch die Würdigung eines Berufskollegen, nämlich des Geschichtsschreibers Friedrich von Hohenzollern („Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“). Und die Staatskapelle Berlin spielte Friedrichs D-Dur-Sinfonie gar hübsch und es gab vier (!!!) Begrüßungsreden. Das Festpublikum wurde begrüßt von Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin – böse Zungen nennen ihn „König Klaus“. Der begrüßte gut republikanisch und flüssig alle Anwesenden, dann fiel ihm noch etwas ein (gut einstudiert, kennen wir, „ach ich hab da noch einen Zettel“) und er freute sich noch über die Anwesenheit der Familie Hohenzollern, na und dann hatte er es endlich gesagt: „Georg Friedrich Prinz von Preußen, Chef des Hauses...“ Seinem Kollegen Matthias Platzeck aus Potsdam ging das entschieden leichter von der Zunge – Begrüßung Nummero zwei –, der ist den Umgang mit der Königlichen Hoheit vom Berliner Balkon an der Havel her gewöhnt. „Königliche Hoheit“ hätte er übrigens sagen müssen, einem Prinzen (und potenziellem Thronfolger, auf die preußische Krone hatte Wilhelm II. seinerzeit nicht verzichtet, nur auf die kaiserliche) steht das schließlich zu. Dafür erzählte Ministerpräsident Platzeck etwas von der interessanten Spannung an diesem Orte zwischen Kunst (er meinte Honeckers Schinkelinterieur und die ehemalige Hofkapelle) und Polizei. Damit meinte er offensichtlich den Gendarmenmarkt. Der hat allerdings nichts mit Polizisten zu tun. Hier standen einst die Pferdeställe des Kürassierregiments „Gens d’armes“ des Soldatenkönigs. Eine Elitetruppe, in der auch der arme Leutnant Katte, der für Friedrich den Schädel hinhalten musste (siehe DAS BLÄTTCHEN 02/2012), diente. Platzeck äußerte auch, dass die DDR mit Friedrich und den Preußen so gar nichts am Hut gehabt habe – und wurde gleich zweimal korrigiert: Sogar vom hohenzollernschen Hauschef höchstderoselbst, der in seinem Grußwort (Nummero vier im Protokoll) gar possierlich davon erzählte, wie einstmals der DDR-Kulturminister Hans Bentzien die Sarkophage von Friedrich und den seines Papas aus Hechingen wieder nach Potsdam holen wollte (was wohl am Widerstand des Papas von SKH Georg Friedrich scheiterte, dabei hätte die NVA 1981 zur Freude des Siegers von Leuthen wohl einen perfekteren Zapfenstreich zu Sanssouci hingelegt als diese schlecht trainierten Menschen der Bundeswehr zehn Jahre darauf). Die Sache mit der DDR relativierte selbst unser Bundespräsident, der seinerseits die Begrüßungsformel fast jakobinerhaft auf „hochverehrte Festgäste“ verkürzte  (Begrüßung Nummero drei im Protokoll) – Königliche Hoheit hätte er sich wenigstens abringen können, seinem Leumund beim monarchistischen Teil der Gäste der republikanischen Festaktes hätte das gut getan. Stattdessen unterstellte unser Staatsoberhaupt, dass die westdeutschen Kids wohl auch nicht besser über Friedrich Bescheid gewusst hätten, als die Klassenkameraden des DDR-Schulknaben Platzeck... Sonst sprach er kluge Dinge aus, die so gar nicht zur Zielbestimmung des Festaktes durch den Berliner Nachfolger von Majestät passen wollten. Klaus Wowereit meinte nämlich, „wir wollen daran arbeiten, dass das Geschichtsbild sich ändert.“ Nicht mehr und nicht weniger wurde am 24. Januar 2012 im Konzerthaus zu Berlin getan. Jetzt sind erstmal die Schlösser und Garnisonskirchen dran. Und dann schau’n wir mal, SKH sind noch jung...

(24.01.2012)