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1. März 2008 DIE LINKE im Abgeordnetenhaus

Wie kann der Verbraucherschutz zur Unterstützung armer Familien und zur Verringerung und Vermeidung von Kinderarmut beitragen?

  1. Ursache von Kinderarmut ist in der Regel Armut in der Familie. Familienarmut ist verursacht durch gesellschaftlich, privat oder familiär bedingte Umstände (Niedriglohn, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung, alleinerziehend, Geldknappheit, Überschuldung u.a.). Folgen von Geldknappheit und Überschuldung sind: Sparen an Konsum und Teilhabe, an Kleidung, Ernährung, Gesundheit, das Reduzieren kultureller und sozialer Aktivitäten und Kontakte.

    Trotz Verzicht und Sparen wird aber auch in armen Familien oft zu viel Alkohol und Tabak konsumiert, werden unnötige und zu teure Anschaffungen gemacht, gerät man häufig immer mehr in die Verschuldungsfalle. Oftmals fehlt es an Bildung und Ausbildung, Kompetenzen und an sozialen Kontakten um sich daraus, gegebenenfalls mit Hilfe anderer, zu befreien, um (wieder) zu einem unabhängigen, selbstbestimmten Familienleben zu kommen.

    Für Kinder bedeutet Armut häufig Scham und früher Verzicht. Es bedeutet (es kann bedeuten) nicht am altersgemäßen »Konsum« teilnehmen zu können: nicht den MP3-Player, das Handy, die Markenklamotte zu haben, zu Geburtstags-Partys einzuladen oder eingeladen zu werden, an Klassenfahrten teilzunehmen, Musik- oder Nachhilfeunterricht zu bekommen. Es kann auch zum Verzicht auf einen höheren Schulabschluss oder eine Berufsausbildung führen, um möglichst schnell eigenes Geld zu verdienen.

    Gegen Kinder- und Familienarmut helfen aber keine moralischen Appelle und auch nicht Belehrungen über Preise von Bratwurst und Sauerkraut. Und wieso wird gerade von armen Menschen gefordert, auch bessere Menschen zu sein und auf alles das zu verzichten, wozu die Werbung schon Kinder verlockt, der Handel anbietet, was gesellschaftlicher Konsum-Mainstream ist und alle, die entsprechende finanzielle Mittel oder Kreditwürdigkeit besitzen, sich auch kaufen? Gegen Kinderarmut hilft nur ein ausreichendes Familieneinkommen und bei Problemen bestmögliche Hilfeleistung von außen.

    Für die multiplen Probleme armer Familien ist die familiäre, wie auch die persönliche individuelle Unterstützung der einzelnen Familienmitglieder nötig. Dazu gehört auch, den Familien und jedem Einzelnen bei der Veränderung in der Lebensführung zu helfen, aus der Verschuldung heraus zu kommen, besser mit Ernährung und Gesundheit umzugehen, mit Geld, bei der Planung von Käufen und dem Abschluss von Verträgen und Versicherungen, der Altersvorsorge, mit neuen Medien und ihren »Fallen« (insbes. bei Internetkäufen und Handynutzung) etc. besser zurecht zu kommen. Gerade bei diesen Problemen kann der Verbraucherschutz, d.h. konkret die Beratungsangebote der Verbraucherzentrale Berlin und des Berliner Verbraucherschutz-Netzwerkes viel an Unterstützung leisten, u.a. durch »aufsuchenden« Verbraucherschutz und integriert in andere Unterstützungsangebote vor Ort.

  2. »Kompetenz für den Alltag« zu schaffen und »Bildung für Haushalt und Familie« sind traditionelle Anliegen der Arbeit der Verbraucherzentralen und ihrer Mitglieder. Das betrifft die Beratung im Bereich Haus- und Ernährungswirtschaft, aber auch die Berufsausbildung in den haushalts- und ernährungsbezogenen Berufen.

    Preis- und qualitätsbewusstes Einkaufen und »gute Haushaltsführung« sind dabei zentrale Elemente. In der Diskussion ist z.Z., stärker auch Konsumkompetenzen auszubilden, d.h. »Bildung für Haushalt, Familie und Konsum« als Einheit zu sehen. Dies wäre sicher ein wesentlicher Faktor zur Stärkung der Alltagskompetenzen, insbesondere auch im Hinblick auf besondere Angebote für Migrantenfamilien. Insbesondere Mädchen mit Migrationshintergrund machen im Bereich Hauswirtschaft eine Berufsausbildung. Gleichzeitig fehlt gerade in Migrantenfamilien diese »Alltagskompetenz«. Kinder aus Migrantenfamilien haben oft Gewichts- und Gesundheits- und oft auch Probleme im Umgang mit den knappen Mitteln.

    Die Zielgruppe MigrantInnen ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt für den Verbraucherschutz. Die Forderung der Verbraucherzentralen an die Politik ist, Verbraucherpolitik stärker ins Zentrum der Integrationspolitik zu rücken und Verbraucherbildung und Verbraucherberatung für MigrantInnen als Integrationsfaktor zu etablieren. Auch damit kann ein Beitrag zur Vermeidung von Kinder- und Familienarmut geleistet werden.

    Verbraucherbildung muss möglichst früh beginnen. Deshalb gehört Verbraucherbildung auch verstärkt an Schulen und in Curricula. Denn bereits kleine Kinder sind eine wichtige Zielgruppe der Wirtschaft. Sehr subtil sind die Werbebotschaften und sehr früh graben sie sich ins Bewusstsein und wecken Konsumbedürfnisse. Gleichzeitig nehmen prekäre Arbeits- Einkommens- und Lebensverhältnisse zu. Durch Deregulierung und Privatisierung wird immer mehr Verantwortung für die Vorsorge auf den Einzelnen abgewälzt. Das heißt, dass die Verlockungen der Wirtschaft immer weniger mit der finanziellen Leistungsfähigkeit der Menschen übereinstimmen. Zeugnis dafür ist die enorm steigende Zahlungsunfähigkeit von Familien.

    Verbraucherbildung zur Ausbildung von Handlungskompetenzen im Alltag muss Teil der Schule werden. Geradezu prädestiniert für die Erprobung von aktiv gelebter »Verbraucher- und Nachhaltigkeitsbildung« wären die im Modellversuch Gemeinschaftsschule zusammengeschlossenen Schulen.

  3. Für die Koalition hat der Verbraucherschutz eine große Bedeutung. Mit Hilfe von Leitlinien und eines Aktionsplanes soll die Verbraucherschutzpolitik neu ausgerichtet werden. Mit Unterstützung des Verbrauchernetzwerkes u. a. soll der »aufsuchende Verbraucherschutz« im Kiez verstärkt werden, der wohnortnahe gesundheitliche Verbraucherschutz sozial Benachteiligter verbessert und die Zielgruppenorientierung und ihre interkulturelle Ausrichtung fortgesetzt werden.

    In der zuständigen Senatsverwaltung wurde zum 1. Februar 08 ein Grundsatzreferat Verbraucher- und Gesundheitsschutz geschaffen. Die Verbraucherzentrale Berlin e.V. befindet sich in einem Modernisierungsprozess. Sie will künftig insbesondere dort sein, wo sozial schwächere Menschen ihre Beratung brauchen. Denn gerade »arme Menschen kaufen oft zu teuer«. Mit diesen Vorhaben werden die besten Voraussetzungen dafür geschaffen, dass auch Verbraucher-Schutz, Verbraucher-Bildung und Verbraucher-Information einen wesentlichen Beitrag gegen Kinder- und Familienarmut und ihre Folgen und für Integration leisten.