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1. März 2008 DIE LINKE im Abgeordnetenhaus

Warum Kulturelle Bildung ein zentrales Handlungsfeld für die Linke sein muss

»Kulturelle Bildung umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher künstlerisch und pädagogisch geprägter Positionen zur aktiven Auseinandersetzung des Menschen mit Kunst und Kultur und seiner eigenen Positionierung zu ihr in der Gesellschaft. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat Anspruch auf lebenslange kulturelle Bildung als integralem Bestand der Allgemeinbildung.

Die Befassung mit Kunst und Kultur ist für viele Menschen untrennbarer Bestandteil ihres Lebens, ist Lebensbedürfnis und schafft kulturelle und künstlerische Werte, die nicht nur für den einzelnen, sondern für viele Menschen wichtig und unersetzbar sind: Kulturelle Bildung verbindet Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft.

Sie fördert Integration als wechselseitigen Prozess – zum einen von Menschen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft aber auch im interkulturellen Dialog das Kennenlernen der Kulturen, die die Zugereisten in unsere Gesellschaft mitbringen und um die sie unser Leben bereichern. Dadurch nimmt die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur eine Schlüsselstellung für gesellschaftliches Zusammenleben ein: Die alltägliche kreative Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt in dieser Stadt befördert soziale Kompetenzen und vermittelt Werte wie Respekt und Toleranz – und kulturelle Bildung macht gesellschaftliche Teilhabe auch für Menschen möglich, die sozial, politisch oder am Arbeitsmarkt weniger privilegiert sind.« (aus dem Fraktionspapier zur kulturellen Bildung)

Soziale Ungleichheit ist in den vergangenen Jahren gewachsen, die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich permanent. Ein Fünftel unserer Gesellschaft verfügt mittlerweile über zwei Drittel des Gesamtvermögens. Das Risiko des sozialen Abstiegs hat sich auch für die (sich auflösende) Mittelschicht erhöht.

Hauptleidtragende dieser Entwicklung sind Kinder und Jugendliche. Der Schlüssel zu einer Veränderung dieser Verhältnisse heißt Bildung. Die viel diskutierten PISA-Studien werfen zwei Probleme auf: Zum einen spricht die Studie, in negativer Beurteilung des realen deutschen Erziehungssystems, von der notwendigen Erziehung zur Kompetenz. Das Manko der deutschen Schüler im internationalen Vergleich lag jeweils nicht an abfragbarem Wissen, sondern es mangelt an den Befähigungen, das Erlernte eigenständig zu verarbeiten und zu verknüpfen. Zum anderen haben die Studien gezeigt, wie eng soziale Lage und Schulerfolg zusammenhängen. Bildungs- und daraus resultierende Lebenschancen sind weitgehend von den materiellen Möglichkeiten der Eltern abhängig.

Das deutsche Bildungssystem scheitert an diesen zwei Punkten: es vermag es nicht, Bildung allen Kindern, unabhängig von ihrer sozialen Lage, zugänglich zu machen und es ist ebenso wenig in der Lage, den erfolgreicheren SchülerInnen jene sinngebende Vernetzungsarbeit zu vermitteln, die aus den Zufälligkeiten angehäuften Detailwissens erst ein ordnungsstiftendes Beziehungsgeflecht macht, das dann selbstständig ausgebaut und verdichtet werden kann, wie Helmut Glaser es 2004 formulierte.

Die Forderungen, sich an dem skandinavischen Bildungssystem zu orientieren, nehmen zu. Dort ist das Sitzenbleiben ausgeschlossen, die Bildungsgänge der 3 - 18-jährigen werden individuell angepasst. Das Bildungssystem ist familienunabhängig, die schwachen Kinder werden nicht ausgegrenzt und nicht zum Abstieg gezwungen. Defizite werden möglichst früh durch kostenlose zusätzliche Angebote beseitigt, Kinder aus elitären Familien lernen die soziale Realität derer kennen, die sie als Erwachsene möglicherweise anführen sollen. Besonderer Wert wird auf die Vermittlung sozialer Kompetenz gelegt.

Im Jahr 2000 hat der norwegische Staat ein nationales Kulturvermittlungsprogramm für alle Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 16 Jahren mit dem Ziel aufgelegt, professionelle Kunst aller Sparten in die Schulen zu bringen und erlebbar zu machen: Kinder und Jugendliche sollen sich mit Theater beschäftigen, SchriftstellerInnen und bildende KünstlerInnen treffen, Ausstellungen und Konzerte in ihren Schulen erleben und sich mit Architektur, Design und Lokalkultur vertraut machen. Das Projekt, für das pro Schuljahr ca. 22 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden, wird aus den Überschüssen der staatlichen Lottostiftung finanziert.

Schulen (und bereits Kindergärten) müssen zukünftig in ihren Pflicht- und Wahlpflichtbereichen Kernangebote machen und diese müssen mit denen der außerschulischen Anbieter flächendeckend verzahnt werden, was die Sicherung und den Ausbau der kulturellen Infrastruktur der kulturellen Bildung im außerschulischen Bereich voraussetzt und sowohl für die Bestands- als auch für die Qualitätssicherung gilt. Die Gemeinschaftsschule bietet hier völlig neue Ansatzmöglichkeiten. Die, auch durch die Linke mitgetragenen, Einsparungen im Bereich der Musik- und Jugendkunstschulen wirken in diesem Zusammenhang kontraproduktiv.

Die Forderung nach der Reaktivierung des »Bürgerrechts Kultur« (Glaser) oder »Kultur für alle« (Hoffmann) gründet auf der Erkenntnis, möglichst viele Menschen in den kulturellen Diskurs, der mit dem Medium der Künste stattfindet, einzubeziehen, da in Kunst und Kultur die Selbstreflexion der Gesellschaft über ihre Werte und Standards stattfindet – ein zentrales Moment für eine Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Viele Menschen, Ältere wie Jüngere, konnten bisher keine eigenständige kulturelle Praxis entwickeln. Hier muss auf den Wirkungszusammenhang zwischen Bildung, Arbeit und Zeit auf der einen Seite und der Fähigkeit, Möglichkeit und Bereitschaft, eine differenzierte kulturelle Praxis herauszubilden, hingewiesen werden. Die zuletzt veröffentlichten Armutsberichte der Bundesregierung zeigen auf, dass die Zahl junger Menschen, die mit Hartz IV aufwachsen, weiter wachsen wird und dass diese Kinder und Jugendlichen durch das monetär familienabhängige Bildungswesen zusätzlich benachteiligt werden.

Die Eliten dieses Landes haben bereits seit längerer Zeit wenig Interesse, die Kultureinrichtungen mit öffentlichen Mitteln zu fördern, obwohl durchschnittlich nur 5 % der Mittel der öffentlichen Haushalte erforderlich wären (Hamburg beispielsweise hat den Kulturetat auf 0,9 % gesenkt, leistet sich aber gleichzeitig den prestigeträchtigen Bau der Elbphilharmonie – in der Hoffnung, dass diese dem Tourismus einen weiteren Schub versetzt).

Will man die Möglichkeit des Zugangs zu höheren Kunst und Bildungseinrichtungen nicht ausschließlich den »Bürgerlichen« überlassen, so ist es entscheidend, allen Kindern und Jugendlichen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung vom Kindergarten bis zur Hochschule unabhängig vom sozialen Umfeld zu gewährleisten.

Das gesellschaftliche Subsystem Kultur hat auch die Aufgabe, sich mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen, mit seinen Mitteln darzustellen und zu bewerten. Damit wird bei der zentralen Frage nach der Legitimität der gesellschaftlichen Ordnung eine entscheidende Aufgabe erfüllt. Kunst und Kultur sind keine Aktivitäten, die man sich erst dann leisten kann, nachdem Ökonomie und Politik erfolgreich sind, sondern sie sind die Grundlage für deren Erfolg. Kulturelle Teilhabe ist somit eng verbunden mit ökonomischer, politischer und sozialer Teilhabe. Denn eine reiche Kulturlandschaft braucht eine Bevölkerung in sozial angemessenen Lebensumständen.