Kinderarmut vermeiden: Berufsausbildung, Qualifizierung und Weiterbildung sind dafür wichtige Voraussetzungen
Kinderarmut hat ihre Ursachen insbesondere in Familienarmut und vor allem darin, dass das Einkommen der Familie nicht für ihr Auskommen, für den Lebensunterhalt reicht.
Familieneinkommen hängen ab von der sozialen, materiellen und finanziellen Situation der Eltern ab, die in der Regel von einer Erwerbstätigkeit bestimmt wird. Der wichtigste Schutz gegen Kinderarmut ist daher die Erwerbstätigkeit der Eltern und ein ausreichendes Familieneinkommen – das einen Mindestlohn voraussetzt.
Wichtige Voraussetzung für die Erwerbsarbeit ist eine qualifizierte Berufsausbildung. Über eine Berufsausbildung werden entscheidende Weichen gestellt: Für den Eintritt ins und für das gesamte künftige Berufsleben, für die Stellung und Anerkennung im Beruf, für Verdienstmöglichkeiten, Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung im Arbeitsprozess, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für ein Engagement im Betrieb (z.B. in Betriebsrat und Gewerkschaft) und außerhalb des Betriebes sowie für die aktive Gestaltung sozial und ökologisch nachhaltiger Entwicklungen, Umweltlernen, Kultur und Kreativität.
Die Linke setzt sich für ein horizontal und vertikal durchlässiges Bildungs- und Berufsbildungs-System mit offenen Zu- und Übergängen an und zwischen allgemeinbildenden-, hochschul- und berufsqualifizie-renden Angeboten ein, die auch Wiedereinstiege nach Abbrüchen ermöglichen, für die Anerkennung von Teilqualifikationen und Möglichkeiten für Weiterbildung und Lebenslanges Lernen – ohne Bildungs-Sackgassen.
Eine Berufsausbildung und eine gute Qualifikation schützen nicht grundsätzlich vor Arbeitslosigkeit und auch nicht vor späteren möglichen Armutssituationen in Familien. Aber umgekehrt sind sie die wichtigsten Grundlagen für Wege ins Berufsleben und Voraussetzung für den Erhalt der Berufsfähigkeit bei sich stark wandelnden beruflichen Anforderungen (in z.B. völlig neu entstehenden Wirtschaftsbereichen wie Kulturwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Lebenswissenschaften, aber auch höhere Qualifikationsanforderungen z.B. in der Tourismuswirtschaft, Verkehrswirtschaft, Biotec/Gentec, Umwelt, Ver-kehr, IT und Medien).
Deshalb unterstützt Rot-Rot Ausbildung, Qualifizierung und Weiterbildung durch ein System von Angeboten – von der Berufsorientierung bis zum Lebenslangen Lernen. Dazu gehören z.B. Ausbildungsförderung und Ausbildungsbegleitung – »Ausbildung in Sicht« und »MDQM« für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss –, dazu gehört das Beschäftigungs-Programm »Teilhabe – Integration – Qualifikation«, die Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen oder die Berufsanerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen. Dazu gehören z. B. auch Qualifizierungs-Angebote und Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Aufenthaltsstatus oder der Aufbau eines ÖBS.
Berufslosigkeit der Eltern, häufige oder andauernde Arbeitslosigkeit, ein nicht ausreichendes Einkommen in der Familie, fehlende Arbeitswelt-Kultur (»Facharbeiterethos« wie pünktlich, zuverlässig, ausdauernd, selbständig arbeitend, lernbereit, kollektiv handelnd…), ggf. ungenügende Kompetenz zur Organisation des Alltags und keine Erfahrung des Wechsels von Arbeit, Freizeit, Haushaltsarbeit, fehlende Bildung, dauernder Geldmangel, langdauernde Abhängigkeit von staatlichen Unterstützungssystemen, fehlende soziale Integration – dies alles sind für Kinder und Jugendliche die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für schulischen Erfolg und den Weg ins Ausbildungs- und Berufsleben.
Insbesondere Kinder aus problematischen Familienverhältnissen brauchen eine frühe und zuverlässige Unterstützung zur Bewältigung des Alltagslebens. Schon früh und in der Grundschule müssen das Erlernen von Arbeitstechniken und die Begegnung mit der Arbeitswelt und unterschiedlichen Berufstätigkeiten erfahrbar gemacht werden (polytechnisches Lernen).
Betriebe, Institutionen, Gewerkschaften, der Bäcker, der Schumacher nebenan, aber auch der Zirkus, das Kino und Theater, die Polizeistation, das Krankenhaus, die Baustelle, die Berufsschule etc. sind hier gute Ansprechpartner. Spätestens ab Klasse 7 muss die Berufsorientierung für alle beginnen. Für diesen Ansatz steht ein vor kurzem begonnenes schulart- und jahrgangsbergreifendes gemeinsames Projekt von SenIAS und SenBWF.
Besonders betroffen von Familienarmut und daher besonders benachteiligt in der Schule und beim Weg ins Berufsleben sind Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien. Bei ihnen verschärfen sich die Probleme ggf. noch durch völlig andere Lebens- und Arbeitskulturen, Erwerbsformen etc.
Insbesondere Kinder aus Migrantenfamilien (und mit problematischem familiären Hintergrund) benötigen frühe ganzheitliche und arbeitsweltbezogene Erfahrungen – in anderen Zusammenhängen als denen der eigenen Community. Nur so können Fähigkeiten für ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben außerhalb der eigenen Erfahrungswelt erworben werden. Um dies zu gewährleisten braucht es u.a. Angebote wie einen möglichst ganztägigen Kitaplatz mit entsprechender vorschulischer Sprachförderung und die Ganztagsschule, die als Gemeinschaftsschule ausgestaltet ggf. praktisches Lernen ab Klasse 8 oder 9, längeres Lernen an der beruflichen Schule und berufsbezogenen Sprachunterricht anbietet.