Die Behauptung, dass die kulturelle Herkunft zu Jugendkriminalität führe, die zu mehr als 80 Prozent eine Jungenkriminalität ist, muss zurückgewiesen werden.
Nicht nur liegt der Behauptung, die auf die Migrantinnen und Migranten weist, Rassismus als Teil einer berechnenden populistischen Kampagne zugrunde, sie führt jene, die ernsthaft nach Lösungen suchen in die Irre und verstellt den Blick auf die Bekämpfung von Jugendkriminalität.
Die Ursachen sind vielmehr in der sozialen und ökonomischen Lage zu suchen. Und über die soziale Lage von eingewanderten Familien entscheidet an erster Stelle der Zugang zum Arbeitsmarkt. Ist der blockiert oder führt nur zu niedrig bezahlter Arbeit, ist die soziale Lage schlecht. Dies ist in den meisten Fällen für die Jugendlichen der zweiten, hier geborenen Generation ausschlaggebend: es entscheidet über ihren Grad an Gesundheit, Bildung, Teilhabe auf allen Ebenen, Integration, Motivation u.v.m. Dasselbe aber ist für heutige Jugendliche zu sagen, deren Eltern nicht eingewandert sind, deren soziale und ökonomische Lage schlecht ist.
Alle progressiven bis hin zu konservativen wissenschaftlichen aber auch politische Untersuchungen weisen darauf hin, dass Arbeitslosigkeit und Einkommens- wie Statusschwäche der Eltern für Jugendliche, die in einer stark konsumorientierten Gesellschaft aufwachsen, zu Perspektiv – und Motivationslosigkeit führt, gleichzeitig aber der Zwang zum Mithalten in der Konkurrenz um das Vorweisen von Markenartikeln nicht zurückgewiesen werden kann. Den Jugendlichen ist früh klar, dass für sie auch Jugendarbeitslosigkeit droht, dass der Lohn für jede anzustrebende Arbeit geringer sein wird, als er sein müsste, um das Level der konsum- und werbungsgesetzten Lebensstandards jemals einhalten zu können. Dazu kommt, dass in den Familien mit langanhaltender ökonomischer Krisensituation häufig noch innerfamiliäre Gewalt gegen die Jugendlichen Mädchen und Jungen auftritt.
Es entsteht Aggression über die Ohnmacht in der familiären wie eigenen Situation, die in Jugendbanden, auf der Straße und fataler Weise gegenüber Gleichaltrigen am meisten, dann gegen materielle Sachen ausgeübt wird.
Ca. seit dem Jahr 2000 wird in der Ursachenforschung darauf hingewiesen, dass aus der schon ausreichend harten Massenarbeitslosigkeit, die bereits das Phänomen wachsender Jugendkriminalität forcierte, echte Armut geworden ist. In solchem Klima der Armut entfällt das Gefühl der Verantwortung für die Gemeinschaft, die ja auch ihre Solidarität für den/die Einzelne/n aufkündigt. Es herrscht Not bei gleichzeitigem Zwang, diese »verschämt« nicht zeigen zu wollen/dürfen: Durch Beschaffungskriminalität wird versucht, mitzuhalten, nach außen wenigstens einen nicht armen Eindruck zu vermitteln, das Außenseiter/innensein zu verbergen.
Selbst Kinder in der Kita oder in Schulen, versuchen den niedrigen sozialen Status ihrer Familie so von sich abzuweisen, bzw. wenn er bekannt ist, den Demütigungen (Diskriminierungen und Angriffen auf ihre Würde durch Gleichaltrige oder der Umwelt zu entkommen. Funktioniert diese Strategie, verfestigt sie sich, und kann Aufmerksamkeit und Rang in einer Binnenkultur mehrerer so agierender Jugendlichen gewonnen werden, führt dies zu dem Lerneffekt, dass diese Strategie zu einem »Erfolg« führt. Mit dem mehrmaligen Wiederholen beginnen kriminelle Karrieren.
In Peer-Groups, Gruppen, Cliquen und Gangs wird dann in einer Outcast-Cultur derjenige bestätigt, der in der negativen Karriere am weitesten geht: der wird Chef/Boss. In geringem Ausmaß scheint sich dies auch für Mädchengangs zu entwickeln, wobei statistisch hier noch nicht von einer echten Größe auszugehen ist. Die Verlierenden hingegen sind »Opfer«, wohl eines der stärksten Schimpfworte in der gegenwärtigen Jugendkultur und ihrer Sprache.
Und genau darum geht es den jungen Männer: Sie empfinden sich (zu Recht) als Opfer, aber ein immer größer werdender Teil von ihnen weist dies durch Kriminalität zurück: Sie sind lieber Täter als Opfer.
Sozialberichte (1) über Transferleistungen beziehende Eltern und ihre Kinder in Berlin zeigen, dass Jugendliche nicht mehr nur peripher Betroffene von der Armut ihrer Eltern sind:
Insofern, als hier schlechte oder mangelnde Bildung der Eltern als Grund für Armut genannt wird, folgt daraus, dass berufliche Bildung für Erwachsene anzubieten ist, bei Migrantinnen und Migranten ebenso, nur muss hier ein Setting mit Spracherwerb und Interkulturalität geboten werden, dass ein hohes Maß an Kompetenz dazu bei den Ausbildenden voraussetzt. Wenn eine Vermittlung in einen Beruf aussichtslos ist, ist allemal besser, in eine neue Ausbildung von mehreren Jahren zu investieren als auf 20 oder 30 Jahre hin Transfer einzurechnen und die Menschen in der unwürdigen Situation zu belassen, dass es keine Veränderung gibt.
Kann bei den älteren Erwachsenen mit Migrationshintergrund die geringe Aus/Bildung noch in der Lebensgeschichte und mit dem Bildungswesen des Herkunftslands erklärt werden, so liegt der hohe Anteil der Jugendlichen aus diesen Familien ohne oder mit nur geringem Schulabschluss in der hiesigen Verantwortung und muss schnellstens und zeitnah korrigiert werden, um wenigstens einige noch einem lebenslang abhängigen oder armseeligen Leben zu entreißen.
Dementsprechend betrug der Gesamtanteil nachgewiesener Schulabschlüsse unter den deutschen Sozialhilfeempfangenden rund 70 %, während er unter den nichtdeutschen Sozialhilfeempfängern und -empfängerinnen nur knapp 48 % ausmachte. Betrachtet man zusätzlich unter den positiven Nennungen zum Schulabschluss die Verteilung der Haupt- und Realschulabschlüsse, fällt auch hier der Vergleich zuungunsten der Ausländer und Ausländerinnen aus. Vor dem Hintergrund nahezu gleicher Altersstruktur der beiden Empfängergruppen muss das schulische Ausbildungsniveau der nichtdeutschen Empfangenden insgesamt als deutlich schlechter eingestuft werden.
Integration von Jugendlichen beginnt bei den Eltern und muss zu guter Aus/Bildung, existenzsicherndem Einkommenschancen und Teilhabe führen. Es wird etwas kosten, aber wir werden es auf der anderen Seite der Soll-Seite des Haushalts: Knast, Jugendhilfe, und bei den Transferleistungen sparen, es wird zu mehr Steuereinnahmen führen, wenn Jugendliche arbeiten.
(1) Senatsverwaltung Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Berlin, 2006:Spezialbericht 2006-1: Einflussfaktoren und Strukturmerkmale für die Sozialhilfebedürftigkeit von Familien mit Kindern in Berlin an der Schwelle zu „Hartz IV“