Nach einer ersten repräsentativen Erhebung zu Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2004 sind 25 % aller Frauen mit Gewalt in den eigenen vier Wänden konfrontiert. Mehr als die Hälfte der Frauen gab an, dass auch Kinder betroffen sind und zu einem Viertel geraten sie selbst in die tätlichen Auseinandersetzungen. In Deutschland betrifft das eine Million Kinder, die hinter geschlossenen Türen einer Gewalt ausgesetzt sind, gegen die sich allein nicht wehren können.
Häusliche Gewalt hat lebenslange, verheerende Auswirkungen. Kleine Kin-der, die Zeugen oder Opfer von Gewalt sind, erleiden einen so gewaltigen emotionalen Stress, dass die Entwicklung ihres Gehirns geschädigt und ihre Lernfähigkeit behindert wird. Was sich ihnen dauerhaft einpflanzt ist, der Gewalttätige behält die Oberhand, beugen muss sich, wer schwächer ist. Das setzt sich ihr Leben lang fort und lässt sie selbst zu Schlägern werden, wenn sie sich körperlich überlegen fühlen.
Dabei verarbeiten Mädchen und Jungen Gewalterfahrungen ganz unterschiedlich. Unter Fachleuten besteht Konsens, dass bei Mädchen eher eine Identifikation mit der Mutter möglich ist und Jungen sich eher mit dem misshandelnden Vater identifizieren. Das bedeutet, dass Jungen und Mädchen durch das Erleben häuslicher Gewalt für Täter- und Opferrollen in ihrem späteren Leben gefährdet sind. Das bedeutet auch, dass Gewalt nicht nur schädigend für die psychische und physische Entwicklung ist, sondern auch Auswirkungen auf die Einstellung zu Gewalt hat und zu eigenen gewalttätigen Verhalten führen kann.
Um den Kreislauf von Gewalt zu durchbrechen, sind effektive Interventions- und Präventionsmaßnahmen erforderlich. Kinder brauchen Angebote außerhalb der Familie an den Orten, wo sie sich regelmäßig aufhalten, so früh wie möglich.
Hier setzt die Berliner Interventionszentrale gegen häusliche Gewalt (BIG) an und initiierte 2006 das Modellprojekt Präventionsprojekt an Grundschulen (Finanzierung mit Mitteln der Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V., der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin e.V. und des BMFSFJ).
In Fachveranstaltungen wird allen an Grundschulen tätigen Berufsgruppen, die Lehrer/innen, die HorterzieherInnen und die SchulsozialarbeiterInnen sowie die für die Schule zuständige JugendamtsmitarbeiterIn Fachwissen zum Thema Häusliche Gewalt und praktische Tipps für den Einzelfall vermittelt.
Auf Elternabenden werden die Kinderworkshops vorgestellt und allgemeine Informationsangebote zum Thema Häusliche Gewalt gemacht und verteilt.
In den Kinderworkshops geht es um die Stärkung der Kinder und Aufklärung. Es geht um das Selbstwertgefühl der Kinder, um Angst und Wut. Es geht um Streit und Konfliktlösungen, um die Vermittlung von Kenntnissen über Rechte und Hilfeangebote bei häuslicher Gewalt. Zusätzlich wird im Rahmen der Workshops eine spezielle Kindersprechstunde angeboten.
Für die dauerhafte Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe werden konkrete Beziehungen geknüpft, damit sie im Notfall zügig und effektiv zusammenarbeiten.
Die Resonanz auf das Projekt war durchgängig positiv und wird durch die wissenschaftliche Begleitung untermauert. Der Bericht dazu wird Ende März 2008 erwartet.
Besonders hervorzuheben ist, dass sich etwa jedes 5. Kind mit z.T. eigenen akuten Gewalterfahrungen in der Kindersprechstunde an die Projektmitarbeiterinnen gewandt hat. Die Situation war den Lehrerinnen vorher nicht bekannt, was bedeutet, dass das Projekt geeignet ist, Kinder zu motivieren, ihre Gewalterfahrungen nicht weiter zu verheimlichen, sondern darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.
Damit kann der Kreislauf von Gewalt unterbrochen werden, frühestmöglich und nachhaltig. Die Grundschule ist der erste und einzige Ort, an dem alle Kinder erreicht werden. Soll ein lückenloses Frühwarnsystem zum Schutz von Kindern implementiert werden, muss das hier geschehen. Nach den Erfahrungen des BIG-Modellversuchs sind die 4. und 5. Klassen besonders geeignet, ein gewaltpräventives Projekt durchzuführen. In höheren Klassenstufen verhindern z.T. bereits verinnerlichte Abwehrmechanismen und fest verankerte und damit akzeptierte gewalttätige Konfliktlösungsstrategien den offenen Zugang zum Thema.
Die Chance, Kindern möglichst früh zu helfen und ihnen gewaltfreie Lebenswege zu eröffnen, darf nicht vertan werden. Das bedeutet jedoch, die Behandlung des Themas Häuslicher Gewalt an Grundschulen im Rahmen der Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt dauerhaft im Schulbereich zu berücksichtigen. Wie die allgemeinen schulischen Präventionsansatze gegen Gewalt und gegen sexuellen Missbrauch zeigen, müssen die erwachsenen Bezugspersonen (Lehrkräfte, SozialarbeiterInnen und Eltern) sensibilisiert werden, Gewalt in der Familie zu erkennen, Wege aus der Gewalt zu eröffnen und die Konfliktfähigkeit und die gewaltfreie Selbstbehauptung der Kinder gezielt zu fördern.
Das bedeutet nicht, dass die Schulen allein das Problem zu lösen haben, sondern in enger Zusammenarbeit mit außerschulisch professionell arbeitenden Fachinstitutionen auf deren Unterstützung sowohl im Einzelfall als auch bei der allgemeinen Behandlung des Themas Häusliche Gewalt rechnen können. Für die Kooperationen gibt es in Berlin ein dichtes Netz von öffentlichen und freien Trägern, Kinderschutzeinrichtungen sowie Frauenschutz- und Beratungsstellen.
Deshalb sollte das BIG-Präventionsprojekt an Grundschulen seine Arbeit in enger Kooperation mit anderen Gewaltpräventionsprojekten im schulischen Bereich weiterentwickeln.
In der Koalitionsvereinbarung ist mit der Fortschreibung des Berliner Aktionsplanes gegen häusliche Gewalt ausdrücklich neben Täterarbeit und besonderen Zielgruppen wie Migrantinnen, behinderte und traumatisierte Frauen, die Prävention in Schulen genannt. Der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt hat im April 2007 empfohlen, bei erfolgreicher Evaluation das Projekt durch die zuständige Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung fortzuführen.