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1. März 2008 DIE LINKE im Abgeordnetenhaus

Die Bedeutung des Sports zur sozialen Integration von Kindern, insbesondere von Kindern mit Migrationshintergrund

Ca. 40 Prozent der in Berlin lebenden unter 18jährigen haben einen Migrationshintergrund. Bei Vorschulkindern mit festgestelltem Sprachförderbedarf haben fast 70 Prozent einen Migrationshintergrund. Fast jeder vierte der jungen MigrantInnen ohne deutschen Pass verlässt die Schule ohne Abschluss. Nachweisbar leben viele dieser Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen, vor allem, weil ihre Eltern erwerbslos sind. Über 20 Prozent der ausländischen Kinder und Jugendlichen leben in Haushalten, die von sozialen Transferleistungen abhängig sind.

Es ist eine Tatsache, dass soziale Benachteiligung besonders oft in Familien mit Migrationshintergrund festzustellen ist. Die daraus erwachsenden Probleme wie z.B. Ausgrenzung, Gewalt und Kriminalität sind in erster Linie in ihrer sozialen Situation zu suchen und nicht in ihrer Herkunft begründet.

Politik und Gesellschaft sind gemeinsam mit den Betroffenen gefordert, Auswege zu finden, Isolation zu durchbrechen und Perspektiven aufzuzeigen. Statt lautstark die demografische Katastrophe zu beschwören und ausländerfeindliche Kampagnen zu führen geht es darum, alle Kinder und Jugendlichen in diesem Land unabhängig von ihrer Herkunft und sozialen Lage zu fördern und ihnen eine Zukunft in diesem Land zu geben. Der rot-rote Senat hat sich dieser Aufgabe gestellt und mit seinem Integrationsprogramm ressortübergreifend wichtige Akzente gesetzt.

Im Handlungsfeld III »Sport und Bewegung für alle – Integrationspolitische Möglichkeiten durch Sportförderung« wird auf die besonderen Potenziale des Sports bei der sozialen Integration insbesondere junger Menschen verwiesen. Darin heißt es u.a.:

»Es besteht ein breiter politischer Konsens über die integrierenden Eigenschaften des Sports:

  • Sport kann gegenseitig Toleranz und Regelakzeptanz vermitteln

  • Sport bietet sozial benachteiligten Menschen die Möglichkeit der Selbstfindung und Stärkung des Selbstbewusstseins

  • Bei gemeinsamer Sportausübung können sprachliche und kulturelle Barrieren leichter überwunden werden

  • Im Vereinssport werden Partizipation, demokratisches Zusammenleben und Übernahme von Verantwortung praktiziert.«

Doch wie können Kinder und Jugendliche für den Sport gewonnen werden? Wie können soziale, kulturelle und auch sprachliche Isolation durch sportliche Betätigung überwunden werden? Wie können Kinder dauerhaft durch und mit Sport von der Straße weg geholt werden, um neben einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung auch etwas für ihre Gesundheit zu tun? Wie können sie durch sportliche Betätigung einbezogen und aktiviert, motiviert und durch vielfältigen Kompetenzerwerb in die Lage versetzt werden, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen?

Um Lösungsansätze zu finden hat der Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am 09. November 2007 auf Antrag der Koalitionsfraktionen eine Anhörung zur Integrationsleistung des Sports durchgeführt. Als Anzuhörende waren eingeladen VertreterInnen des Weddinger Wiesel e.V., der Abteilung Boxen des SC Eintracht Berlin e.V., des Türkiyemspor e.V. und der Berliner Sportjugend.

Es wurde deutlich, dass der Sport die Integrationsprobleme dieser Gesellschaft zwar nicht lösen, aber einen Beitrag zu ihrer Lösung leisten kann. Als wesentliche Aspekte für eine gelingende Integrationsarbeit von Kindern und Jugendlichen wurden von den Anzuhörenden u. a. genannt:

  • Sportangebote im Kiez müssen möglichst viele ansprechen, dürfen keinen ausgrenzen – unabhängig von Herkunft und sozialer Lage. Das gemeinsame Sporttreiben als bindendes Element muss im Mittelpunkt stehen.

  • Eine bleibende Bindung an den Sportverein ist erfolgreicher, wenn die Eltern einbezogen werden – von der eigenen sportlichen Betätigung bis hin zur Übernahme von ehrenamtlicher Tätigkeit. Durch den Kontakt mit den Eltern kann auch auf Problemlagen in der Familie eingegangen und im Bedarfsfall Hilfeangebote organisiert werden.

  • Integration im und durch den Sport ist umso erfolgreicher, wenn eine enge Zusammenarbeit mit anderen sozialen Einrichtungen und Unternehmen im Bezirk/Sozialraum erfolgt, u. a. um Finanzmittel zu erhalten oder zu sichern, um Räume zu nutzen bis hin zur Vermittlung von Ausbildungsplätzen und Wohnraum für Jugendliche.

  • Junge Menschen sollten Spaß am Sport in der Gemeinschaft haben und motiviert werden, selbst Verantwortung zu übernehmen, z. B. durch eine Ausbildung als ÜbungsleiterIn oder SchiedsrichterIn. Dadurch ist auch ein Kompetenz- und Erfahrungsgewinn über den Sport hinaus möglich. Außerdem schafft es wichtige Identifikationsmöglichkeiten und ist Grundlage für Anerkennung über die sportliche Leistung hinaus.

  • Es geht darum, die Kinder und Jugendlichen mitzunehmen und keinen fallen zu lassen. Auch und gerade im Konfliktfall müssen Hilfe und Unterstützung angeboten werden. Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses ist auch für andere Lebensbereiche wichtige Erfahrung. Für viele Kinder und Jugendliche ist der Verein ihr »Zuhause«, für den sie sich engagieren.

Als Probleme wurden u.a. benannt:

  • Diskriminierung von SportlerInnen mit Migrationshintergrund insbesondere im Fußball

  • Fehlende Planungssicherheit durch Probleme bei der Finanzierung von Projekten und Maßnahmen

  • Mängel bei der Beratung und Unterstützung insbesondere bei der Mittelbeschaffung und im Konfliktfall (Fehlen von Weiterbildungsangeboten und SozialarbeiterInnen)

  • Zugangshürden und Stigmatisierung, weil die schwierige soziale Lage vieler Familien es unmöglich macht, Vereinsbeiträge und Fahrgelder zu zahlen

  • Benachteiligung bei der Sportstättenvergabe, wenn keine »Heimanlage« als fester Anlaufpunkt und Identifikationsort zur Verfügung steht

Die Anhörung hat wesentliche Hinweise für unsere weitere Arbeit gebracht und bereits zu konkreten neuen Initiativen geführt. Z. B. wurde erst vor wenigen Tagen ein gemeinsames Projekt zwischen Landessportbund, Senat und Partnern aus der Wirtschaft ins Leben gerufen, um noch in diesem Jahr 2.000 Kindern aus sozialschwierigen Verhältnissen eine Gratismitgliedschaft in einem Sportverein zu ermöglichen. Weiterhin hat Die Linke einen Antrag erarbeitet, der gemeinsam mit dem Koalitionspartner fordert, dass durch eine Ergänzung der Sportanlagennutzungsverordnung Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung von öffentlichen Sportplätzen verbannt und Zuwiderhandlungen sanktioniert werden.

Damit werden wichtige Weichen gestellt, um die guten Rahmenbedingungen für den gemeinnützigen Sport weiter zu verbessern und die Grundlagen für seine integrative Arbeit zu sichern. Erinnert sei hier daran, dass Rot-Rot jetzt und auch künftig landeseigene Sportanlagen kostenlos zur Verfügung stellt, damit das Sporttreiben auch weiterhin unabhängig vom Geldbeutel möglich ist. Auch das Schwimmen ist und bleibt für gemeinnützige Sportvereine, Kitas, Schulen und seit 2007 auch für die Horte an den Ganztagsschulen unentgeltlich. Dank des Engagements der Berliner Bäderbetriebe können Kinder und Jugendliche mit dem Superferienpass auch weiterhin in den Ferien die Berliner Bäder kostenlos nutzen. Das ist insbesondere für diejenigen wichtig, die sich keine Ferienreise leisten können. Nach anfänglichen Problemen erhält auch das Baerwaldbad, das besondere Angebote für MigratInnen wie z. B. für muslimische Frauen anbietet, weiterhin einen Zuschuss zur Aufrechterhaltung des Betriebs.

Mit einer Ansatzerhöhung von 500.000 Euro, die mit dem Haushaltsbeschluss für 2008/09 erfolgte, verbessert das Land die Rahmenbedingungen für die Arbeit der Sportvereine und mit weiteren Mitteln die Präventionsarbeit im Sport. Mit dem Haushalt 2008/09 wurden auch die Projekte und Einrichtungen der Sportjugendsozialarbeit in sozialen Brennpunktgebieten für die nächsten zwei Jahre abgesichert. Mit dem Vereinsinvestitionsprogramm und dem Sportanlagensanierungsprogramm werden wir auch künftig zur Verbesserung der Sportinfrastruktur beitragen. Das betrifft auch die Bäder, die bis 2011 mit 50 Mio. Euro zusätzlich saniert werden sollen.